Gedanken eines Eisarsches

Passend zur Wetterabkühlung stelle ich einen alten Artikel aus dem Jahr 2002 online. Dieser wurde von Gudrun Wolfgang (jetzt Gudrun Böhm) - der Siegerin der erstmals ausgetragenen Eisarsch-Regatta verfasst.

Nicht aus dem warmen Auto raus! NEIN! Diese Frau hat einfach kein Mitleid mit mir. Draußen hat es Minusgrade, und es ist nebelig, und außerdem: Wo sind wir hier eigentlich? Jetzt macht sie´s wirklich! Pfui, ist es hier kalt!
Ja Hallo! Hier gibt es ja mehrere. Man könnte auch sagen: lauter Verrückte! Grüß Dich, wie geht´s, schon lange nicht mehr gesehen. Und da, da ist ja noch jemand, den ich kenne. Aber komisch! Was soll das? Was machen die alle mit diesen Kisten? Apropos Kiste, die kommt mir bekannt vor, in der bin ich vor Jahren auch schon drinnen gesessen (aber da war ich noch deutlich kleiner!!!).
Ho ruck, runter vom Dach mit dem Opti. Mir schwant Schlimmes, aber wollen wir ´mal nichts verschreien... . Normalerweise ist meine "Besitzerin" nicht völlig durchgeknallt, vielleicht etwas masochistisch veranlagt, aber bestimmt nicht so wahnsinnig, im Dezember am Attersee in einem Opti segeln zu gehen! Ist ja auch wirklich grausam diese Vorstellung.
Das Boot ist schon am Slipwagerl, und ruck zuck ... hui, da ist ja Wasser! Und schon steht ein Segel in diesem Trog, den sie gerade vom Dach abgeladen hat. AUT 881 steht drauf. Gut, das war´s, wo bleibt das Optikind? In Portoroz habe ich das ja schon sehr oft miterlebt: Erwachsene bauen die Optis auf, dann kommen die Kinder, setzen sich rein und segeln damit. Das Problem ist nur: Hier sind keine Kinder! Hey Fräulen, mir ist kalt!
Ah, die Erlösung ... wir gehen zum Auto, ab nach Hause zur warmen Heizung.
Nicht die Hose runter! Warum zieht sich diese Wahnsinnige um? Lange Unterhose, Faserpelz, Trockenanzug. Und jetzt geht auf einmal alles so schnell, sie läuft zum aufgebauten Boot, zieht es zum Wasser, Hilfeschreie von meinen Informanten ganz unten, die Erfrierung droht!
Ich halte es nicht aus, sie setzt mich in ein hartes, kaltes und viel zu kleines Boot. Aber zu ihrer Verteidigung muss ich sagen: Sie ist nicht die Einzige. Um mich herum höre ich verzweifelte Hilferufe von meine Arschkollegen. Protest, Aufstand, Streik, wir müssen uns wehren. Ärsche, vereinigt Euch!
5°C kaltes Wasser spritzt mich an, der Wind umweht mich Ärmsten aller Armen. Oh Gott, da liegt einer im Wasser, es gibt also doch noch ärmere Ärsche als mich!?
Da ist plötzlich so ein Krach. BUMM!!! Das dürfte so etwas wie ein Startschuß gewesen sein. Jetzt geht´s los! Ich habe noch immer keine Ahnung, worum es hier eigentlich geht (mir erzählt man ja nichts), aber um mich herum wird es scheinbar stressig ... und es ist noch immer kalt, man könnte fast sagen: ARSCHKALT!
Wende hin, Wende her, das schaut ja gar nicht so schlecht aus, da vorne kommt die Luvboje, und vor uns segeln nur 1,2,3 ... hui nur drei andere Boote. Nicht nervös werden!
Den Vorwindkurs habe ich immer schon gehasst. Boot aufkanten heißt für mich nämlich Ertrinken. Und meine irre Besitzerin hat auch heute wohl kein anderes Problem, als möglichst schnell zu segeln und schleift mich alle paar Minuten durchs Wasser. Mir ist kalt, ich erfriere, ich will nach Hause! Wie haltet ihr Finger das nur aus? Ihr seid ja auch ganz naß. Ach so! Ich wehrt Euch eh schon und quält sie mit ziehenden Schmerzen . Sollte ich vielleicht auch einmal probieren ...!
Vor lauter Ärger habe ich jetzt ganz übersehen, dass wir schon an dritter Stelle liegen und die Leeboje haben wir auch gerade passiert. Eigentlich erfreulich, weil dann sind wir nämlich bald wieder im Warmen. Diese Kälte ist ja nicht auszuhalten!
Es kommt mir so vor, als würde hier plötzlich Adrenalin ausgeschüttet werden. Nervosität macht sich breit. Warum eigentlich? Was ist los?
Was? Wir sind plötzlich Erste! Wie hat sie das denn gemacht? Hirn, erklär´ mir das! Ach so, Du weißt es auch nicht?!
Ich spüre, dass hier eine Blutdrucksteigerung im Gange ist, und ich sehe, dass das Ziel naht. Mir wird plötzlich immer wärmer, das ist ja richtig spannend hier!
Wir sind noch immer Erste, jetzt muss ich ihr helfen! Schluss mit Streik und Gejammer, es geht um meine Ehre.
Eine letzte Rollwende ... das ist MEIN Job! Raus mit mir, das Wasser ist kalt, aber was soll´s. Hey, diese Wende war schön, fast wie vor zehn Jahren. Und DAS fünf Meter vor dem Ziel!
Jubel, Geschrei, der Fan-Club flippt aus, jüngere Zuschauer fallen in Ohnmacht. Hirn, was ist los?
Ach so!!! Ich bin Eisarsch des Jahres (und kalt ist mir jetzt überhaupt nicht mehr!)

Glutaeus maximus von Gudrun Wolfgang (alias Eisarsch)

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